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Hamburger Hafen : Ziemlich aufgeladen

 Atomtransporte sind ein gutes Geschäft für den Hafen. Vom Senat werden sie geduldet – von Umweltaktivisten nicht.

Wellen werfen das Schlauchboot auf der Elbe hin und her. Cecile Lecomte klammert sich mit einer Hand fest, mit der anderen versucht sie, ihre Kamera hochzuhalten. Dicht steuert ihr Skipper an der Sheksna vorbei. Lecomte, 33 Jahre alt, fotografiert das Schiff und die Seemänner, die dabei sind, eine Ladeluke zu öffnen. Als die Matrosen sie bemerken, eilen sie zur Bordwand und ziehen eine Strickleiter hoch. „Die haben doch wohl keine Angst vor uns, oder?“, fragt Lecomte lachend.

Sie und ihr Begleiter gehören zu Robin Wood, einer Umweltschutzorganisation, die Atomtransporte über den Hamburger Hafen stoppen will – und sich dafür mit mächtigen Gegnern anlegt: mit Reedereien, mit großen Unternehmen und mit der Justiz, denn mit den Gesetzen nehmen die Aktivisten es im Notfall nicht immer genau. Aber die Stadt, finden sie, die Stadt tut ja nicht genug. Übt gerade mal schüchternen Druck auf die Unternehmen aus. Kein Wunder: Es geht um viel Geld.

Cecile Lecomte und andere Aktivisten observieren Schiffe, die Uranerz, Uranhexafluorid oder auch Brennstäbe nach Hamburg bringen. Normalerweise beobachten sie mit Feldstechern vom anderen Ufer aus, welche radioaktive Ladung umgeschlagen wird. An diesem Morgen im Juli wollen sie näher ran. Um vier Uhr morgens sind Lecomte und ihr Kapitän aufgestanden und sind mit dem Schlauchboot auf die Elbe getuckert. Sie suchen die Sheksna. Am Burchardkai werden sie fündig.

Die Sheksna, 82 Meter lang, zwölf Meter breit, bringt regelmäßig atomare Fracht von St. Petersburg nach Hamburg, meist Uranerz aus Kasachstan oder Usbekistan. Sie gehört der russischen Reederei Aspol und fährt unter der Flagge von Belize. Lecomte hat das Schiff schon Dutzende Male observiert. Die offiziellen Angaben reichen ihr nicht.

Denn die wichtigste Informationsquelle über Uranverladungen in Hamburg, das Gefahrgutinformationssystem Gegis, erfasst nur über See und per Hafenbahn transportierte Güter – und nicht, was auf Lastwagen durch die Stadt rollt. Und Gegis speichert die Daten nur drei Monate lang. Deswegen stellt die Linke regelmäßig Anfragen an den Senat und veröffentlicht dann Daten zu Atomtransporten, bevor sie aus dem System verschwinden. Anhand dieser Daten haben Aktivisten errechnet, dass durchschnittlich zwei Atomtransporte pro Woche über Hamburg laufen.

Im Schlauchboot hat Lecomte ihre Kamera gegen ein Fernglas getauscht. Sie beobachtet die Kaianlagen. Ein Streifenwagen fährt vor. „Dann haben die auch Gefahrgüter geladen“, sagt Lecomte, „sonst wäre die Polizei nicht da.“ Kurz darauf öffnet sich eine Luke auf der Sheksna. Ein Kran hebt einen blauen Container aus dem Bauch des Schiffes. „Das sieht nach Uran-Pellets aus“, sagt Lecomte. Auf der Transportkiste kleben Plaketten, die vor atomaren Stoffen und Giften warnen.

Nur noch ein zweiter Container folgt. Für so wenig hat die Sheksna Hamburg angesteuert. Das lohnt sich: „Es stehen starke wirtschaftliche Interessen hinter den Atomtransporten“, sagt Lecomte.

Hamburg ist eine Drehscheibe der internationalen Nuklearindustrie

Bis Mai 2013 interessierte sich in der Stadt kaum jemand für radioaktive Fracht, die im Hafen umgeschlagen wird. Dann brannte es während des Kirchentags auf der Atlantic Cartier. Das Schiff hatte Autos geladen, aber auch Container mit Gefahrgut Klasse 7: strahlende Stoffe. Die Atlantic Cartier transportierte Reste von Uranhexafluorid – und vier Tonnen Munition. Eine brisante Kombination, auch politisch: Seitdem beschäftigt sich die Bürgerschaft mit Atomtransporten. Die Opposition verlangt Informationen.

Im laufenden Jahr wurden bis Ende Juni 363 Container mit radioaktiver Fracht im Gegis registriert. 2014 waren es rund doppelt so viele. Die Wasserschutzpolizei kontrollierte allein 635 Atomcontainer – rund 85 Prozent aller Nukleartransporte.

Viele Gefahrguttransporter bringen nicht nur strahlende Ladung nach Hamburg, sondern gleichzeitig Sprengstoff, Benzin und andere leicht entflammbare Stoffe. Material, das Terroristen zum Bau einer schmutzigen Bombe bräuchten. Eine Gefahr für alle Menschen in der Stadt, sagen Umweltschützer wie Cecile Lecomte. Nein, die Atomtransporte seien keine Bedrohung, solange alle Regeln eingehalten werden, erwidern Wasserschutzpolizei und Reedereien. Es gebe wesentlich gefährlichere Ladung, Chlorgas zum Beispiel.

Hamburg ist Drehscheibe für die internationale Nuklearindustrie

Besonders umstritten bleibt die strahlende Fracht dennoch, schließlich hat Deutschland den Atomausstieg bis Ende 2022 beschlossen. Die Zahl der Urantransporte über Hamburg wird deshalb kaum sinken, denn die Stadt ist eine Drehscheibe für die internationale Nuklearindustrie. Über den Hafen werden Staaten wie Frankreich beliefert, die an der Kernkraft festhalten.

Die Linken fordern eine „Teilentwidmung des Hamburger Hafens für Atomtransporte„, konnten ihren Antrag 2014 in der Bürgerschaft aber nicht durchsetzen. Vorbild der Atomgegner ist Bremen, das seinen Hafen für Kernbrennstoffe gesperrt hat.

Im Koalitionsvertrag hat auch Hamburgs rot-grüner Senat das Thema aufgegriffen. Zwar wird darin betont, Transport und Umschlag radioaktiver Stoffe sei bundesrechtlich und könne von der Stadt nicht einseitig beschränkt werden. Dennoch versprechen SPD und Grüne, auf Reedereien, Befrachter und Kaianlagenbetreiber einzuwirken, im Wege der Selbstbeschränkung auf Atomtransporte zu verzichten.

Doch bisher ist hier nicht viel geschehen. Selbst bei Unternehmen wie Hapag-Lloyd oder der HHLA, auf die die Stadt als Anteilseignerin Einfluss nehmen könnte, geht das Entladen von Schiffen mit atomarer Fracht weiter. Und bei anderen Logistikfirmen wird es für die rot-grüne Regierung schwierig, Druck auszuüben.

Denn für die Unternehmen sind solche Gefahrguttransporte ein gutes Geschäft. „Für Gefahrgut berechnen Reedereien einen Zuschlag“, sagt Dietrich Scheder-Bieschin, Geschäftsführer der Reederei MACS Maritime Carrier Shipping. „Der ist durch den erhöhten bürokratischen Aufwand auch gerechtfertigt.“ MACS transportiert Uranerzkonzentrat aus Namibia nach Hamburg.

Bei Robbenfell an Bord hat Hapag- Lloyd Skrupel, bei Uranerzen nicht

Ein viel größerer Konkurrent fährt Uranerze aus Kanada in die Stadt: Hapag-Lloyd nutzt dafür unter anderem die Schiffe Toronto Express und Montreal Express. Das Unternehmen befördert auch Uranhexafluorid. Wenn der Stoff mit Wasser reagiert, entsteht Flusssäure, die schon in kleinen Mengen giftig ist. Freiwillig will Hapag-Lloyd nicht auf die Atomtransporte verzichten. „Das Management und die Gefahrgutabteilung haben darüber diskutiert, diese Forderung aber abgelehnt“, sagt ein Sprecher. „Wir transportieren keine Brennstäbe und keine spaltbaren Stoffe – an der anderen radioaktiven Ladung halten wir fest.“ Aus ethischen Gründen nimmt die Reederei kein Walfischfleisch, keine Robbenfelle, Jagdtrophäen, Haifischflossen oder lebende Schildkröten an Bord. Bei Uranerzen bestehen diese Bedenken nicht.

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„Wenn wir diese Transporte nicht übernehmen, gehen die Aufträge an kleinere Firmen, die womöglich eine schlechtere Sicherheit bieten können und viel ältere Schiffe haben“, sagt der Hapag-Lloyd-Sprecher.

Hapag-Lloyd und MACS betonen, dass die Transporte radioaktiven Gefahrguts nur einen kleinen Teil ihrer Ladung ausmachen. „Die Sperrung des Hafens für radioaktive Fracht hätte keine Bedeutung für uns“, sagt Scheder-Bieschin von MACS. Bei Hapag-Lloyd klingt das ähnlich.

Doch für die Atomindustrie hätte ein Atomtransportverzicht der Unternehmen sehr wohl Folgen. Denn Hamburg steht am Anfang der Brennstoffkette. Im Hafen kommen überwiegend Container mit Uran an, meist aus Kasachstan, Kanada, Namibia, Usbekistan. Über Hamburg gelangen Uranerz und Uranhexafluorid zu Aufbereitungsanlagen in Frankreich, in den Niederlanden oder zu Fabriken im westfälischen Gronau und im niedersächsischen Lingen. Bevor das Uran von der Stromindustrie genutzt werden kann, muss es angereichert werden. In mehreren Schritten entsteht Urandioxid, das in Pellets gepresst und in Brennstäbe gefüllt wird. Diese landen schließlich in den Kernkraftwerken. Über Hamburg laufen aber auch strahlende Brennstäbe, die in Castor-Behältern verfrachtet werden.

„Ein Unfall lässt sich nie ganz ausschließen“

Wo die in Hamburg angekommene radioaktive Fracht bleibt, beschäftigt Umweltschützer in ganz Deutschland und Frankreich. Sie verfolgen die Container, informieren sich, wie ihre Route läuft, was ihr Ziel ist. Cecile Lecomte steht bei diesen Verfolgungsjagden oft ganz am Anfang.

An einem regnerischen Tag im Juli fährt sie mit ihrem Klapprad von der Veddel Richtung Köhlbrandbrücke. Ihr Ziel ist ein Unternehmen, das viel Gefahrgut umschlägt. Dort hat ein Schiff festgemacht, das häufiger strahlende Stoffe an Bord hat. Vor einer Halle, die an Eisenbahngleisen liegt, hält sie an. „C. Steinweg“ steht auf dem Haus. Hier haben Aktivisten im November 2014 einen Atomtransport auf Schienen gestoppt: Lecomte und ein Mitstreiter hatten sich über den Schienen abgeseilt und den Zug mit der radioaktiven Fracht sieben Stunden lang aufgehalten.

Das war nicht die erste Aktion. Im August 2014 stürmten mehrere Atomgegner auf das Gelände von C. Steinweg, auch damals war Lecomte dabei. Die Aktion hat ihr eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs eingebracht. Die Sache sei es wert gewesen, sagt sie. Auch als sie später, nach der Observation des Geländes, von drei durch den Pförtner herbeigerufenen Streifenwagen begleitet wird, hat sie nur ein Lächeln für die Beamten übrig: „Fast die Hälfte aller Container, die aus Russland kommen, machen Probleme: Ihnen fehlen Plaketten und Warnhinweise, ihre Zulassung ist veraltet oder sie haben sogar Risse“, sagt sie. Da solle sich die Polizei doch lieber um die Atomtransporte kümmern anstatt um die Aktivisten. Ihre Sache ist für Lecomte so wichtig, dass sie keinerlei Kompromisse eingehen will: Die Probleme der Industrie und Behörden interessieren sie nicht.

C. Steinweg war nicht bereit, Fragen der ZEIT zu beantworten.

Doch die offiziellen Zahlen scheinen Cecile Lecomte recht zu geben. Vom 12. Februar bis zum 6. Mai 2015 kontrollierte die Polizei 103 Atomtransporte zu Wasser, auf der Straße, auf der Schiene. In elf Fällen stieß sie auf Auffälligkeiten.

Für die Kontrollen sind die Beamten der Wasserschutzpolizei zuständig, Beamte wie Lutz Dreyer. Mit einem Finger zeigt er auf das Foto eines Containers. Auf der Wand der Kiste fehlt eine Plakette. Er zieht ein weiteres Bild aus seiner Mappe hervor. Zu sehen sind Dellen im Metall. In beiden Fällen beanstandete die Polizei die Ladung. Dreyer und seine Kollegen kontrollieren gut 85 Prozent aller Container mit radioaktivem Inhalt. Sehr selten gebe es ernste Verstöße. „Mängel sind nicht gleich Mängel. Man muss genau hinschauen“, sagt er.

Lutz Dreyer und sein Chef Manfred Roß von der Dienststelle „WSP 5 Gefahrgutüberwachung und Umweltschutz“ warnen vor Übertreibungen in Sachen Nuklearfracht. „Bei Gefahrgutklasse 7 haben wir beim Transport ein hohes Sicherheitsniveau“, sagt Manfred Roß. „Wenn ein Transport zu 100 Prozent sicher sein soll, dürften die Güter gar nicht erst das Lager verlassen. Ein Unfall lässt sich nie ganz ausschließen.“

Lutz Dreyer ergänzt: „Wenn es um den Transport radioaktiver Stoffe geht, denken viele Menschen schnell, das sei alles sehr gefährlich. Mich beschäftigen andere Gefahrgüter viel stärker. Chlorgas beispielsweise halte ich für viel bedrohlicher.“

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(Pressemitteilung folgt)

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Hamburger Atomtransporte gehen weiter

(BPP) Der Hamburger Hafen bleibt auch weiterhin internationale Drehscheibe für Atomtransporte. Dabei ist der Transport hochradioaktiver Stoffe durch den innenstadtnahen Hafen ohne Zweifel ein riskantes „Geschäft“. „Die SPD-Fraktion hat gestern in der gemeinsamen Sitzung von Umwelt- und Wirtschaftsausschuss weder die Argumente für ein Atom-Umschlagsverbot noch die Rechtsauffassung des Bremer Senats zur Kenntnis nehmen wollen und unseren Antrag abgelehnt“, erklärt dazu Dora Heyenn, umweltpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft. „Bremen hat es 2012 vorgemacht und gezeigt, dass der Umschlag von Atombrennstoffen über die Häfen des Landes untersagt werden kann. Diese Regelung hat bisher auch vor Gerichten Bestand. Ein Stopp der Atomtransporte über den Hamburger Hafen wäre ohne weiteres möglich – man muss es nur politisch wollen. Doch die SPD will diese Gefahr offensichtlich nicht bannen.“ Den Rest des Eintrags lesen. »

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Umweltaktivisten besorgt wegen Atomtransport in Hamburg

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